Wer setzt sich an die Spitze der Federal Reserve – und wie radikal könnte sich damit der Zinspfad ändern? Zwischen dovishen Wall-Street-Kandidaten und hawkisheren Alternativen stehen die Märkte vor einer Richtungsentscheidung, deren Folgen Anleger kaum einschaetzen können.

Federal Reserve Vorsitz: Wer hat die besten Chancen?
Rund um den Federal Reserve Vorsitz verengt sich das Kandidatenfeld sichtbar. Der Wirtschaftsberater des Weißen Hauses, Kevin Hassett, signalisiert, dass Präsident Trump ihn wohl in seiner aktuellen Rolle halten will – damit wäre er praktisch aus dem Rennen um den Federal Reserve Vorsitz. Trump hatte betont, Hassett sei einer seiner wichtigsten wirtschaftlichen Botschafter, dessen Verlust politisch zu schwer wiegen würde.
In den Fokus rücken damit vor allem zwei Namen: der frühere Fed-Gouverneur Kevin Warsh und der langjährige BlackRock-Anleihemanager Rick Rieder (in einigen Berichten auch als Rick Reeder geführt). Ergänzt wird das Feld durch Chris Waller, der aktuell im Board der Federal Reserve sitzt. Marktteilnehmer betonen, alle vier diskutierten Kandidaten seien fachlich stark, verweisen aber auf deutliche Unterschiede bei der geldpolitischen Ausrichtung.
Zuletzt hatten US-Aktien am Freitag spürbar nachgegeben, weil die bis dahin verbreitete Erwartung eines „Kevin“-Kandidaten infrage gestellt wurde und ein tendenziell hawkisherer Kandidat wieder als Option galt. Diese Verschiebung im Wahrscheinlichkeitsbild reicht bereits, um riskantere Positionen im Markt unter Druck zu setzen.
Wie dovish wäre ein Wall-Street-Kandidat an der Fed-Spitze?
Im Umfeld der Federal Reserve gilt insbesondere Rick Rieder als Symbol für einen potenziell lockereren Kurs. Er verwaltet nach eigenen Angaben rund 3 Billionen US-Dollar an Schulden und gehört damit zu den einflussreichsten Akteuren am globalen Anleihemarkt. Rieder hat wiederholt ein Zinsniveau von etwa 3 % als sinnvoll betont – eine Marke, die nicht weit von den aktuellen Markterwartungen liegt, wonach im kommenden Jahr zwei Zinssenkungen eingepreist sind.
Eine solche Person an der Spitze des Federal Reserve Vorsitz würde von vielen Investoren als Signal für eine verlässlich dovishe Ausrichtung interpretiert. Der Markt spekuliert bereits, dass eine dritte Zinssenkung nicht ausgeschlossen wäre, falls die neue Führung noch stärker auf Wachstums- und Marktstabilität setzt. Dagegen stünde Kevin Warsh, der in der Vergangenheit als kritischer Beobachter der expansiven Bilanzausweitung der Fed aufgefallen ist und eher hawkisch wahrgenommen wird.
Vor diesem Hintergrund rückt auch die politische Dimension in den Vordergrund. Aus dem Weißen Haus wächst der Druck, bei den Zinsen dovisher zu agieren und die ohnehin schon lockere Fiskalpolitik – inklusive geplanter Steuersenkungen, die vor allem Haushalte mit höheren Einkommen adressieren – mit günstigen Finanzierungsbedingungen zu flankieren.
Welche Rolle spielt die aktuelle Federal-Reserve-Politik?
Parallel zur Personalspekulation läuft bereits ein deutlicher Lockerungszyklus. Die Federal Reserve hat die Leitzinsen gesenkt, während am langen Ende der Kurve die Renditen für zehn- und dreißigjährige Staatsanleihen ungewöhnlicherweise steigen. Marktstrategen rechnen damit, dass in diesem Jahr zwei weitere Zinssenkungen möglich sind, während sich das Zinsniveau insgesamt in Richtung 3 % normalisiert.
Anleger blicken zudem auf den anstehenden Kern-PCE-Index, den wichtigsten Inflationsindikator der Fed. Die Daten sollen zeigen, ob der aktuelle Kurs ohne zusätzliche Senkungssignale auskommt oder ob eine noch stärker dovishe Kommunikation nötig wird. Derzeit mehren sich Stimmen, die vor übereilten Schritten im Januar warnen und argumentieren, dass die Konjunkturdaten eine Pause rechtfertigen.
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass eine Phase fallender Leitzinsen bei gleichzeitig anziehender Kreditverknappung zur gefährlichsten Konstellation für Aktien werden könnte. Bank of America verweist auf historisch schwache Börsenphasen, wenn die Fed Zinsen senkt, während die Kreditbedingungen sich einengen – ein Szenario, das Investoren genau beobachten.
Was bedeutet der Federal Reserve Vorsitz für Anleger?
Für Aktien- und Anleiheinvestoren ist der künftige Federal Reserve Vorsitz mehr als nur ein Personalthema. Ein klar dovisher Kandidat könnte Risikoanlagen zunächst stützen und zinssensitive Sektoren wie Technologie und Immobilien begünstigen. Gleichzeitig profitieren klassische Absicherungsinstrumente wie Gold, da ein fortgesetzter Leitzinssenkungszyklus historisch ein günstiges Umfeld für Edelmetalle schafft.
Banken stehen zwischen den Fronten: Auf der einen Seite lockern sich die regulatorischen Rahmenbedingungen, etwa bei Stresstests und Kapitalanforderungen, was Spielraum für höhere Ausschüttungen schaffen könnte. Auf der anderen Seite drücken flachere Zinskurven traditionell auf die Zinsspanne. Analystenhäuser wie Goldman Sachs, Citigroup und RBC Capital Markets betonen daher, dass die genaue Kombination aus Geldpolitik und Regulierung entscheidend für die Bewertung des Sektors sein wird.
Wir haben vier großartige Kandidaten – die Märkte werden mit jedem der vier leben können, aber der geldpolitische Kurs wird sich spürbar unterscheiden.— US-Marktstratege eines großen Vermögensverwalters
Die Entscheidung über den nächsten Federal Reserve Vorsitz dürfte zum zentralen Katalysator für Zins- und Aktienmärkte werden. Anleger sollten die Personalauswahl und die Signale zur weiteren Zinspfad-Kommunikation eng verfolgen und Portfolios flexibel auf ein Spektrum von leicht hawkisch bis klar dovish einstellen. Wer Zins- und Goldengagement geschickt kombiniert, kann von den kommenden Weichenstellungen der Federal Reserve gezielt profitieren.








