Kann die Nebius Group ihre aggressive Preisstrategie im hart umkämpften KI-Infrastrukturmarkt langfristig durchsetzen und die Anleger überzeugen?
Nebius erhöht die Preise für H100, H200, B200 und B300
Die Nebius Group plant zum 1. Oktober eine deutliche Anhebung der Preise für ausgewählte Rechenressourcen auf Basis der NVIDIA-Beschleuniger H100, H200, B200 und B300. Konkret steigen die Preise für H100-Kapazitäten um rund 17 Prozent, für H200 um 20 Prozent und für B200 um 19 Prozent. Beim Flaggschiff B300 fällt der Aufschlag mit etwa 21 Prozent am höchsten aus. Es ist bereits die zweite Preiserhöhung innerhalb von drei Monaten – ein klares Signal für die wachsende Nachfrage nach KI-Rechenleistung.
Diese Nebius Preisgestaltung ist mehr als eine reine Margenmaßnahme. Sie zeigt, dass der Konzern in einem Markt, der von knappen GPU-Kapazitäten geprägt ist, zunehmend eigene Konditionen durchsetzen kann. Während Wettbewerber wie CoreWeave ebenfalls auf kurzfristige Verträge mit Premiumpreisen setzen, gelingt es Nebius, höhere Preise mit langfristigen Verträgen zu kombinieren.
JPMorgan stuft CoreWeave hoch und lobt steigende Compute-Preise
Der Preisschritt fällt in ein Umfeld, in dem Analysten die steigenden Preise für Rechenleistung zunehmend als strukturellen Trend bewerten. Die US-Investmentbank JPMorgan Chase hat CoreWeave von „Neutral“ auf „Overweight“ hochgestuft und das Kursziel von 120 auf 125 US-Dollar angehoben. Zur Begründung verwies das Institut auf die stärkere Preisgestaltung für Compute-Leistung und die Nutzung kurzfristiger Verträge zu Premiumkonditionen. Auch Nebius habe die Preise angehoben, da die Nachfrage nach KI-Kapazitäten ungebrochen hoch bleibe.
Die Marktreaktion am Donnerstag fiel dennoch uneinheitlich aus: Während die Nebius-Aktie um fast acht Prozent zulegte, notierte CoreWeave leicht im Minus bei 86,34 US-Dollar, und IREN verlor rund vier Prozent auf 45,21 US-Dollar. Die Divergenz verdeutlicht, dass Anleger zunehmend zwischen den Geschäftsmodellen der einzelnen Anbieter differenzieren.
Rekordwachstum und praller Auftragsbestand
Fundamental untermauert wird die Preisentwicklung durch beeindruckende Zahlen. Im zweiten Quartal erzielte Nebius einen Umsatz von 582,3 Millionen US-Dollar, wobei das AI-Cloud-Geschäft um 514 Prozent auf 574,9 Millionen US-Dollar zulegte. Das bereinigte EBITDA drehte mit 236,2 Millionen US-Dollar ins Plus. In den ersten sechs Monaten 2026 stieg der Umsatz um 529 Prozent auf 981 Millionen US-Dollar, während der bereinigte Nettoverlust um 24 Prozent auf 133,5 Millionen US-Dollar sank.
Besonders bemerkenswert: 70 Prozent der im zweiten Quartal abgeschlossenen Verträge enthielten Vorauszahlungen. Insgesamt erwartet das Unternehmen in diesem Jahr Kundenvorauszahlungen von über neun Milliarden US-Dollar – ein wichtiger Hebel, um den Kapitalbedarf für den Ausbau der Rechenzentren zu decken, ohne zusätzliches Eigenkapital aufnehmen oder Schulden machen zu müssen. Der gesamte Auftragsbestand liegt bei über 40 Milliarden US-Dollar.
Wie hoch ist das Bewertungsrisiko?
Die Kehrseite der Erfolgsgeschichte ist die Bewertung. Nebius handelt derzeit bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 48 – deutlich über dem Nasdaq-Durchschnitt von 5,4. Das Forward-KGV liegt bei etwa 38. Für die kommenden Jahre erwarten Analysten jedoch exponentielles Wachstum: Bis 2028 könnte der Umsatz auf 23,5 Milliarden US-Dollar steigen.
Das Unternehmen operiert in einem kapitalintensiven Umfeld und konkurriert mit Schwergewichten wie Microsoft und Amazon. Der freie Cashflow war zuletzt mit minus 3,7 Milliarden US-Dollar negativ. Auch der Anteil der aktienbasierten Vergütung am operativen Cashflow von rund 21,6 Prozent sollte Anleger aufmerksam machen.
Was bedeutet das für Anleger?
Die Kombination aus steigenden Preisen, einem prall gefüllten Auftragsbestand und einer zunehmend profitablen Struktur macht Nebius zu einer der spannendsten Wachstumsgeschichten im KI-Sektor. Die Beteiligung von NVIDIA an dem Unternehmen unterstreicht das Vertrauen der Branche. Gleichzeitig bleiben die hohe Bewertung und die Kapitalintensität Risikofaktoren, die eine sorgfältige Positionsgröße erfordern.
Redburn-Warnung und Goldman-Sachs-Deal bewegen den Markt
Trotz der jüngsten Verkaufsempfehlung von Redburn hat sich die Nebius-Aktie zuletzt unbeirrt nach oben entwickelt – ein Zeichen dafür, dass der Markt die fundamentale Geschichte höher gewichtet als kurzfristige Analystenstimmen. Ein Blick auf die jüngste Nebius-Prognose und die ignorierte Redburn-Warnung zeigt, wie gespalten die Einschätzungen sind. Parallel sorgt eine Stimmrechtsmitteilung bei Infineon und der Goldman-Sachs-Deal für Bewegung im europäischen Technologiesektor, was die aktuelle Nervosität der Anleger unterstreicht.
Die Nebius Group untermauert mit der zweiten Preiserhöhung in drei Monaten ihre wachsende Marktmacht im KI-Infrastrukturmarkt und kombiniert dies mit einem beeindruckenden Umsatzwachstum. Für Anleger bedeutet das die Chance auf einen langfristigen Wachstumswert, der jedoch mit hoher Bewertung und Kapitalintensität einhergeht. Die nächsten Quartalszahlen werden zeigen, ob sich die höheren Preise tatsächlich in verbesserten Margen niederschlagen.