Kann das milliardenschwere Übernahmeangebot von BASF für Evonik die RAG-Stiftung und die Politik überzeugen, oder droht ein Machtkampf um die Zukunft des Chemiekonzerns?
RAG-Stiftung hält knapp 44 Prozent
Die Stiftung ist mit fast 44 Prozent die größte Aktionärin von Evonik. Das Angebot bewertet den Anteil rechnerisch mit mehreren Milliarden Euro; insgesamt bot BASF SE 10,3 Milliarden Euro. Evonik erklärte, 22,15 Euro je Aktie böten nicht einmal eine Grundlage für Gespräche.
Das Kuratorium der RAG-Stiftung soll am Freitag zunächst über das Angebot beraten und sich austauschen. Eine Entscheidung für oder gegen einen Verkauf ist nach Informationen aus dem Umfeld des Gremiums nicht vorgesehen. Die Stiftung bestätigte den kurzfristig angesetzten Termin. Die nächste reguläre Sitzung war für Ende November geplant.
Warum reagiert die Politik auf das Angebot?
Die RAG-Stiftung verfügt über ein Vermögen von rund 16 Milliarden Euro und finanziert die dauerhaften Folgekosten des Steinkohlebergbaus. Für Grundwasserhaltung und Hochwasserschutz gibt sie jährlich etwa 300 Millionen Euro aus. Dividenden von Evonik sind ein wichtiger Beitrag zu dieser Finanzierung. Ein Verkauf beträfe damit nicht nur die Aktionärsstruktur, sondern auch die langfristige Finanzierung dieser Verpflichtungen.
In Nordrhein-Westfalen fordert die SPD-Landtagsfraktion, eine Beteiligung des Landes an Evonik zu prüfen. Gemeinsam mit der Stiftung solle das Land dann mehr als 50 Prozent am Unternehmen halten. Die FDP lehnt den Vorschlag bereits ab. Im Kuratorium sitzen unter anderem Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und der Vorsitzende der Chemiegewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis.
IGBCE warnt vor Schnellschüssen
In einem offenen Brief an die Betriebsräte beider Unternehmen verlangen die Gewerkschaftsvorstände Alexander Bercht und Vassiliadis Klarheit über die Folgen für Arbeitsplätze und Standorte. „Darum darf es jetzt keine Schnellschüsse geben“, schreiben sie. Evonik solle darlegen, wie es aus eigener Kraft Zukunft gestalten könne; BASF solle erläutern, welche Angebote es für Beschäftigte und Standorte gebe.
Die Gewerkschaft stellt auch die Verantwortung der Stiftung für die Folgekosten des Bergbaus in den Mittelpunkt. Der Vorstand der RAG-Stiftung unter Bernd Tönjes führt die Stiftung; bei einer Veräußerung einer größeren Beteiligung ist laut Satzung jedoch auch das Kuratorium gefragt. Offizielle Gespräche zwischen BASF, Evonik und der Stiftung gibt es derzeit nicht.
Die BASF-Aktie notierte bei 51,83 Euro und lag damit 1,27 Prozent über dem Vortag. Eine aktuelle Einschätzung von Parmantier & Cie. lautet „Buy“. Das Angebot und die Reaktionen darauf ändern jedoch nichts daran, dass Evonik den vorgelegten Preis zurückgewiesen hat.
Weitere Entwicklungen bei BASF und Industrieunternehmen
Parallel zur Übernahmedebatte setzt BASF den Aktienrückkauf fort; der neunte Zwischenbericht zum Aktienrückkauf beleuchtet die jüngsten Transaktionen. Einen anderen Blick auf strategische Übernahmen bietet die Werkübernahme bei Rheinmetall samt Satellitenauftrag.
Darum darf es jetzt keine Schnellschüsse geben.— Alexander Bercht und Michael Vassiliadis
Das Milliardenangebot für Evonik hat eine außerordentliche Beratung der RAG-Stiftung ausgelöst, während Politik und IGBCE Fragen zu Finanzierung, Standorten und Arbeitsplätzen aufwerfen. Für Anleger bleibt entscheidend, dass der angebotene Preis von 22,15 Euro je Aktie von Evonik zurückgewiesen wurde und ein Verkauf noch nicht zur Entscheidung steht. Die Sitzung am Freitag dürfte zeigen, welche Bedingungen und Interessen bei den nächsten Schritten besonders wichtig werden.